Teil 1, Kapitel 1: Christus beruft sich auf den Anfang
Das erste Kapitel im Buch „Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan – eine Theologie des Leibes“ trägt den spannenden Namen „Christus beruft sich auf den Anfang“. Ähnlich wie auch die folgenden Kapitel beginnt es mit „Christus beruft sich auf…“ – diese Bezeichnungen für die Kapitel lassen uns bereits ein wichtiges Grundkonzept der Theologie des Leibes erkennen:
Zentraler Ausgangspunkt sind die Worte Jesu
Johannes Paul II. referenziert in seiner Theologie des Leibes ständig Passagen der Heiligen Schrift, und ganz besonders die Worte Jesu (der erste Teil des Buches trägt daher auch den Namen „Die Worte Christi“). Eine solche Passage, in der sich Christus auf den Anfang beruft, ist Matthäus 19:
„Da kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, dass man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muss, wenn man sich trennen will? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. Da sagten die Jünger zu ihm: Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.“ (Matthäus 19,4-12, Einheitsübersetzung)
Die parallele Stelle dazu im Markusevangelium ist Markus 10,2-12. Im Vers 6 wird dieser „Anfang“ bereits etwas näher spezifiziert: „Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen.“
Der „Anfang“ auf den sich Christus beruft, und der auch in der Theologie des Leibes immer wieder angesprochen wird, ist der „Anfang der Schöpfung“ – im Kontext der „menschlichen Liebe“ sind dies also Adam und Eva im Garten Eden. Welche Bedeutung hat nun dieser Anfang für die Theologie des Leibes?
Die Bedeutung des „Anfangs“
Wenn Jesus in Matthäus 19,8 sagt „Am Anfang war das nicht so“, möchten viele von uns wahrscheinlich rückfragen, „wie war es denn am Anfang?“. Diese Frage versucht auch Johannes Paul II. zu Beginn seiner Theologie des Leibes zu entfalten. Er geht dabei unter anderem auf die Bedeutung des „Anfangs“, „des ursprünglichen Alleinseins“, „der ursprünglichen Einheit“, und „der ursprünglichen Nacktheit“.
Für diesen Basiskurs möchten wir uns aber mit einem wesentlichen Grundgedanken begnügen, der mit dem vorher zitiertem Bibelvers zusammenhängt:
Der „Zustand des Menschen vor der Ursünde“, bzw. die „ursprüngliche Unschuld“ ist etwas, „von dem sich der ‚geschichtliche Mensch‘ dann durch die Ursünde getrennt hat“ (16. Katechese). Durch die Ursünde veränderte sich nicht nur die Welt als Ganze und nicht nur Adam und Eva als einzelne Personen, sondern auch ihre konkrete Beziehung zueinander. Dies sehen wir auch bereits, wenn wir Genesis 2 und 3 miteinander vergleichen:
Vor dem Sündenfall
Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht. Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu. Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein / und Fleisch von meinem Fleisch. / Frau soll sie heißen, / denn vom Mann ist sie genommen. Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch. Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.
(Gen. 2,20-25)
Nach dem Sündenfall
Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. / Unter Schmerzen gebierst du Kinder. / Du hast Verlangen nach deinem Mann; / er aber wird über dich herrschen. Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. / Unter Mühsal wirst du von ihm essen / alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen / und die Pflanzen des Feldes musst du essen. Im Schweiße deines Angesichts / sollst du dein Brot essen, / bis du zurückkehrst zum Ackerboden; / von ihm bist du ja genommen. / Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück. Adam nannte seine Frau Eva (Leben), denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen. Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit.
(Gen. 3,16-21)
Im Text von Genesis 2 sehen wir noch den urpsrünglichen, vollkommenen Schöpfungswillen Gottes abgebildet, die Verse aus Genesis 3 beschreiben dagegen die Folgen des Sündenfalls.
Die vielleicht brisanteste dieser Folgen dürfte in Genesis 3,16 erwähnt sein: „er (der Mann) wird über dich (die Frau) herrschen“. Diesen Vers diskutiert Johannes Paul II. in seiner Katechese vom 18. Juni 1980 im Detail:
„Diese Worte besitzen, ähnlich denen von Genesis 2, 24, zukunftweisenden Charakter. Die einschneidende Formulierung von 3, 16 scheint die Gesamtheit der Tatsachen zu betreffen, die gewissermaßen schon bei der ersten Erfahrung der Scham auftauchen und die sich dann in der ganzen inneren Erfahrung des geschichtlichen Menschen äußern sollten. Die Geschichte des menschlichen Gewissens und Herzens wird die Worte von Genesis 3, 16 immer wieder bestätigen.
(…)
Im Kontext des jahwistischen Berichtes sind diese Worte vor allem als Übertretung, als grundlegender Verlust der ursprünglichen personalen Gemeinschaft und Verbundenheit zu verstehen. Diese hätte Mann und Frau gegenseitig glücklich machen sollen durch das Bemühen um eine einfache und reine Verbindung im Mensch-sein, durch die gegenseitige Selbsthingabe, das heißt die Erfahrung der Hingabe der Person, die mit Seele und Leib, mit Männlichkeit und Weiblichkeit (»Fleisch von meinem Fleisch«, Gen 2, 23) zum Ausdruck kommt, und schließlich durch die Unterordnung dieser Vereinigung unter den Segen einer Fruchtbarkeit durch »Nachkommenschaft«.
(…)
Sehr diskret und dennoch gut entschlüsselbar und ausdrucksstark bezeugt Genesis 3, 16, daß die ursprünglich beglückende personale eheliche Vereinigung im Herzen des Menschen durch die Begierde entstellt wird. Diese Worte sind direkt an die Frau gerichtet, sie beziehen sich aber auch auf den Mann oder vielmehr auf beide gemeinsam.“ (30. Katechese, eigene Hervorhebungen)
Die gesamte Katechese können Sie übrigens – auf Englisch – auf der Webseite von EWTN nachlesen: https://www.ewtn.com/catholicism/library/dominion-over-the-other-in-the-interpersonal-relation-8487
Zusammenfassend können wir jedenfalls festhalten, dass der „geschichtliche Mensch“ aufgrund des Sündenfalls nicht mehr in einer paradiesischen Welt lebt, die dem vollkommenen Willen des Schöpfers entspricht, und dass dadurch auch zwischenmenschliche Beziehungen entsprechend belastet sind. Für die „menschliche Liebe“ im engeren Sinn bedeutet das, dass diese ursprünglich – im Anfang – von enormer Freude als auch Ebenbürdigkeit geprägt war („Mein Fleisch von meinem Fleisch“), und einen sich-schenkenden Charakter hatte, während dann, nach bzw. durch den Sündenfall verstärkt die Komponente des „beherrschen“-Wollens hinzugestoßen ist. Man könnte auch sagen, der Fokus verschob sich vom Blick auf den anderen bzw. auf die Gemeinschaft als solche, auf die eigene Person – oder, noch kürzer formuliert, von der Liebe zum Egoismus.
Christus beruftsich jedoch explizit auf den Anfang und, wie wir aus der eingangs erwähnten Passage im Matthäusevangelium erkennen können, beurteilt uns und unsere Entscheidungen auch anhand dieses „Standards“ des göttlichen Willens, und nicht anhand späterer gesellschaftlicher Moralvorstellungen des Menschen.
Wir können uns daher die „Wiederherstellung der Ehe im Blick auf ihre Sendung im »Anfang«„, wie es Kardinal Edouard Gagnon in seinem Geleitwort zu „Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan“ genannt hat, zur Zielsetzung nehmen.