Johannes Paul II. über den Genius der Frau

jungfrau maria

Vor 10 Jahren bin ich auf 2 besondere Texte Johannes Pauls II. aufmerksam geworden. Diese Texte sind nicht Teil seiner Theologie des Leibes im engeren Sinn (der 133 Mittwochskatechesen), sind aber dennoch thematisch eng mit ihr verbunden, und bauen auch auf ihren Grundkonzepten auf: Der „Brief an die Frauen“ aus dem Jahr 1995, sowie eine Generalaudienz aus dem Jahr 1999 – beide diese Texte stellen auf eindrucksvolle Weise die besondere Würde, Ehre und Bedeutung der Frau aus biblischer, christlicher Sicht heraus, und scheuen auch nicht davor zurück, gesellschaftliche Mangelzustände in dieser Hinsicht anzusprechen.

Der Brief an die Frauen ist es, in dem der später häufig zitierte und referenzierte Begriff „Genius der Frau“ geprägt wird. Hier eine kurze Passage aus diesem Brief:

„3. Aber mit dem Dank ist es nicht getan, das weiß ich. Wir sind leider Erben einer Geschichte enormer Konditionierungen, die zu allen Zeiten und an jedem Ort den Weg der Frau erschwert haben, die in ihrer Würde verkannt, in ihren Vorzügen entstellt, oft ausgegrenzt und sogar versklavt wurde. Das hat sie daran gehindert, wirklich sie selbst zu sein, und hat die ganze Menschheit um echte geistige Reichtümer gebracht. Es wäre sicher nicht leicht, klare Schuldzuweisungen vorzunehmen, wenn man an die Macht der kulturellen Ablagerungen denkt, die im Laufe der Jahrhunderte Denkweisen und Institutionen geformt haben. Aber wenn es dabei, besonders im Rahmen bestimmter geschichtlicher Kontexte, auch bei zahlreichen Söhnen der Kirche zu Fällen objektiver Schuld gekommen ist, bedauere ich das aufrichtig. Dieses Bedauern übertrage sich auf die ganze Kirche in einem Bemühen um erneuerte Treue zu der Inspiration aus dem Evangelium, das gerade zu dem Thema von der Befreiung der Frauen von jeder Form von Missbrauch und Vorherrschaft eine Botschaft von unvergänglicher Aktualität bereithält, die der Haltung Christi selbst entspringt. Indem er sich über die in der Kultur seiner Zeit geltenden Vorschriften hinwegsetzte, nahm er den Frauen gegenüber eine Haltung der Öffnung, der Achtung, der Annahme und der Zuneigung an. Auf diese Weise ehrte er in der Frau die Würde, die sie seit jeher im Plan und in der Liebe Gottes besitzt.“
– Johannes Paul II., Brief an die Frauen, 1995

Aus diesem wunderschönen Zitat ist insbesondere der letzte Satz von besonderer Bedeutung für die Theologie des Leibes: „Auf diese Weise ehrte er in der Frau die Würde, die sie seit jeher im Plan und in der Liebe Gottes besitzt.“ Gleich in ihrem ersten Kapitel heißt es „Christus beruft sich auf den Anfang“ – dieser „Anfang“, und dieses „seit jeher“ beziehen sich auf den ursprünglichen Schöpfungswillen Gottes, wie wir ihn im Buch Genesis festgehalten sehen, und zwar insbesondere noch vor dem Sündenfall, im paradiesischen Garten Eden. Hier erkennen wir bereits den Willen Gottes für den Menschen, und für die ganze Schöpfung: Es ist nicht ein von Streit, Streben nach Macht, Zerstörung und Tod geprägtes Dasein, sondern eines in liebevoller Harmonie.

Und so sehen wir auch eine deutliche Parallele zu jenen Dingen, die Johannes Paul II. im ersten Abschnitt des obigen Zitats erwähnt hat, mit dem biblischen Text der Genesis: Das die Frau „in ihrer Würde verkannt“ und oft sogar „versklavt“ wurde, ist eine Folge des Sündenfalls, die im ersten Buch der Bibel bereits prophezeit wurde: „…und doch wirst du nach deinem Mann verlangen, der über dich herrschen wird!“ (aus Genesis 3,16, Schöning’sche Bibelübersetzung). Diese historisch oft zu beobachtende Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern geht also nicht auf Gottes vollkommenen Willen zurück, sondern ist eine Folge dessen, dass sich der Mensch – auch unter Beeinflussung des Satans – von Gott, und Gottes Plan, abwandte.

Eine weitere wichtige Komponente hinsichtlich der Würde des Menschen wird Johannes Paul II. wenige Jahre in einer Generalaudienz ansprechen:

„Im ersten wird gesagt: Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie (Gen 1,27). Diese Aussage bildet den Ausgangspunkt der christlichen Anthropologie. Sie sieht die Würde des Menschen als Person in seinem als Abbild Gottes Geschaffen-Sein begründet. Zugleich sagt der Text deutlich, weder Mann noch Frau für sich allein seien Abbild des Schöpfers, sondern Mann und Frau in ihrer Gegenseitigkeit. Beide stellen in gleichem Maß das Meisterwerk Gottes dar.“
– Johannes Paul II., Generalaudienz vom 24. November 1999

Aus dem biblischen Text der Genesis lässt sich anhand der speziellen Formulierungsweise erkennen, dass Mann und Frau in gewisser Weise erst „gemeinsam“, nicht „für sich alleine“ das Abbild Gottes darstellen (damit soll nicht gesagt werden, dass einzelne alleinstehende Personen diesem Abbild Gottes nicht entsprechen; vielmehr soll verdeutlicht werden, dass die Existenz der beiden Geschlechter an sich den Menschen als solches ausmachen, welcher das Abbild Gottes ist). Auch hier ist wieder der letzte Satz von besonderer Bedeutung für das zuvor gesagte: Beide Geschlechter stellen „im gleichen Maß“ das Meisterwerk Gottes dar, und sind daher gleich an Würde.

Diese „Gleichwertigkeit“ der Geschlechter bedeutet aber nicht zwangsläufig eine völlige „Gleichartigkeit“: Die beiden Geschlechter können dennoch über ihre ihnen eigenen Charakteristika und Besonderheiten verfügen, die sie besonders auszeichnen, vielleicht jeweils ihre eigenen „Genii“ bilden.

Der damalige Papst rief jedoch in seinem Brief an die Frauen dazu auf, „mit besonderer Aufmerksamkeit über das Thema »Genius der Frau«“ nachzudenken. Wir finden daher in beiden obigen Texten, sowie auch in den Katechesen der Theologie des Leibes, weitere Impulse hierzu. Ich selbst werde mich dem Frauenbild des Johannes Paul II. in meiner Abschlussarbeit für den Studiengang zur Theologie des Leibes widmen, und darin naturgemäß weitere Aspekte des Genius der Frau ansprechen.